Zürich, 23. Januar 2006. In einer feierlichen Zeremonie wurde heute Abend in Den Haag die niederländische Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali zur „Europäerin des Jahres 2006“ gekürt. Die niederländische EU-Kommissarin Neelie Kroes überreichte die Auszeichnung von Reader’s Digest und würdigte die gebürtige Somalierin als ein „Musterbeispiel für alle, die an ihre Aufgabe glauben und mutig versuchen, ihre Ideale zu verwirklichen“.

 

Die 36-jährige Ayaan Hirsi Ali ist eine Frau, die sich seit Jahren gegen religiöse Fanatiker und für die Rechte muslimischer Frauen einsetzt. Sie ist die elfte Trägerin des Ehrentitels "Europäer des Jahres". Seit 1996 wählen die Chefredaktoren der 19 europäischen Ausgaben von Reader’s Digest Persönlichkeiten, die am besten die Traditionen und Werte Europas verkörpern, zum "Europäer des Jahres". Die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung wurde heute Abend in Den Haag durch die niederländische EU-Kommissarin Neelie Kroes überreicht. Ayaan Hirsi Ali wird das Preisgeld an die vor kurzem gegründete Ethica-Stiftung spenden, die sich in den Niederlanden für die Emanzipation muslimischer Frauen einsetzt.

 

Die 36-Jährige wurde in Mogadischu geboren und musste mit 22 Jahren eine Zwangsheirat mit einem Mann aus ihrem Familienclan eingehen. Aber sie floh in die Niederlande, lernte die dortige Sprache, beantragte politisches Asyl, verdiente sich Geld mit Hilfsarbeiten und studierte schliesslich Politologie.

 

Nebenbei arbeitete sie als Übersetzerin für niederländische Behörden und lernte bei der Arbeit in Krankenhäusern, Schulen und Flüchtlingsheimen das Elend der zumeist dunkelhäutigen Frauen kennen. Fortan setzte sie sich gegen Unterdrückung ein, kämpfte gegen Misshandlungen, Vergewaltigungen und Zwangsehen.

 

Ihr Kampf für mehr Emanzipation in den muslimischen Familien hat sie zu einer der am meisten gefährdeten Personen in Europa gemacht. Seit den Terroranschlägen im September 2001 steht sie unter Polizeischutz, mehrmals waren Mordanschläge auf sie geplant. Seit Januar 2003 setzt sie sich als Abgeordnete im niederländischen Parlament mit politischen Initiativen für die Befreiung muslimischer Frauen ein.

 

Die Tatsache, dass ihr guter Freund Theo van Gogh im vergangenen Jahr ermordet wurde, nachdem sie mit ihm zusammen den Kurzfilm Submission (Unterwerfung) gedreht hatte, in dem die Misshandlungen muslimischer Frauen thematisiert werden, hat sie in ihrem Engagement nur noch bestärkt. Ihr Büro wird immer öfter von Anfragen Hilfe suchender Frauen überhäuft, die Opfer von Gewalt geworden sind und in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden haben. So schlimm diese Fälle sind, so sehr sieht sich die Menschenrechtlerin auf dem richtigen Weg: „Mein grösster Erfolg ist, dass die Probleme heute im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind.“

 

Die Preisträger früherer Jahre

 

Die folgenden Persönlichkeiten waren die Vorgänger von Ayaan Hirsi Ali als "Europäer des Jahres".

 

2005: Der russische Arzt Leonid Roshal, der bei über zwei Dutzend Katastrophen auf vier Kontinenten schwer verletzten Kindern geholfen hat. Beim Geisel­drama von Beslan wurde er als Mittelsmann eingeschaltet.

 

2004: Peter Eigen aus Deutschland, Gründer und Vorsitzender der weltweit tätigen Organisation "Transparency International" mit Sitz in Berlin, die sich dem Kampf gegen Korruption widmet.

 

2003: Simon Pánek, Gründer der tschechischen Hilfsorganisation "People in Need".

 

2002: Eva Joly, ehemals Untersuchungsrichterin in Frankreich (u. a. Fall Tapie, Korruptionsskandal um Elf-Aquitaine).

 

2001: Der gebürtige Finne Linus Benedict Torvalds, Erfinder des Linux-Betriebs­systems.

 

2000: Der Niederländer Paul van Buitenen, der schwerwiegendes Missmana­gement innerhalb der Europäischen Kommission aufdeckte.

 

1999: Die Dänin Dr. Inge Genefke, Vorkämpferin auf dem Gebiet der Behandlung und Rehabilitation von Folteropfern.

 

1998: Der britische Solo-Skipper Pete Goss, der während eines Wettkampfs seinen französischen Freund Raphael Dinelli aus Seenot rettete.

 

1997: Frederic Hauge, norwegischer Begründer der Umweltschutz-Gruppe "Bellona".

 

1996: Pater Imre Kozma, Vorsitzender des ungarischen Malteser Caritas-Dienstes.