Zürich, 23. Juli 2004. Wenn am 13. August die Olympiade zu ihren griechischen Wurzeln zurückfindet, liegt es nahe, dass besonders dieses Mal gezielt historische Bezüge hergestellt werden. Sportsgeist, Idealismus und Friede lauten die immer wieder zitierten antiken Vorbilder. Was so schön klingt, entspricht leider so gar nicht der historischen Realität. In seiner August-Ausgabe entzaubert Das Beste-Reader's Digest einige dieser olympischen Mythen. So sehr das viele enttäuschen mag: Es liegt doch etwas Tröstliches darin, dass die Olympiade der Neuzeit zwar extrem kommerzialisiert ist, aber wenigstens nichts mehr mit Kriegen zu tun hat.

 

Schätzungsweise 3.7 Milliarden Menschen werden weltweit dabei sein, wenn am 13. August 2004 das grösste Sportfest der Welt mit mehr als zehntausend Athleten aus 201 Nationen feierlich eröffnet wird. Und die meisten davon glauben, dass das Schlagwort "Dabei sein ist alles" bereits in der Antike geprägt wurde. Weit gefehlt! Während sich heute meist auch die Zweit- und Drittplazierten über ihren Erfolg freuen - immerhin gibt es dafür noch Medaillen -, so zählte in der Antike nur der Sieg. Die Verlierer schlichen entehrt von dannen, wie Pindar (ca. 522 - 438 v. Chr.), Chronist seiner Zeit, uns überliefert. Kein Wunder also, dass Bestechung und Betrug schon damals gang und gäbe waren.

 

Zwar war Doping, wie wir es heute kennen, in der Antike kein Thema - die entsprechenden Substanzen waren ja noch lange nicht entdeckt und entwickelt. Doch gab es daneben an unlauteren Mitteln nicht viel, was den alten Griechen fremd gewesen wäre. Von der Bestechung des Gegners über das heimliche Einölen von Körperteilen beim Ringen bis hin zum tätlichen Angriff des Gegners beim Laufwettbewerb waren sich die antiken Olympioniken und ihre Entourage für kaum etwas zu schade. Schliesslich verstanden sie nur die Sprache des Erfolgs, sprich: des Gewinnens - einfach "dabei sein" zählte nicht.

 

Der olympische Geist, der heute als Vermächtnis der alten Griechen über dem Sport-Spektakel schwebt, macht uns glauben, dass sich schon vor 3000 Jahren sportliche junge Männer aus diversen Gegenden zum friedlich-fröhlichen Wettkampf getroffen hätten. Mitnichten! Das einzig friedliche war der Waffenstillstand, den man in der Zeit um das Fest herum verhängt hatte, um sowohl Athleten als auch Zuschauer auf ihrem Weg nach Olympia vor kriegerischen Überfällen zu schützen. Die Spiele selbst wurden aber durchaus als Vorbereitung auf den Krieg gesehen, die Olympioniken stählten sich für den Kampf. Und da konnte es bei den Wettkämpfen schon ziemlich blutig zugehen. Die populärste Disziplin war die "Pankration", eine Art Freistilringen, dessen einzige Regel darin bestand, das man den Gegner nicht beissen oder ihm gar die Augen ausdrücken durfte...

 

Und wer daran glaubt, dass der Amateurstatus der Sportler ebenfalls einem antiken Ideal entspricht, der irrt abermals. Schliesslich war das Gewinnen eines Preises damals essentiell für die Motivation der Athleten. Der Sieg bei Olympia bedeutete Geld und Ruhm. Der Ursprung der Amateurregelung geht auf den Begründer der olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin zurück, der damit seiner snobistischen Attitüde Ausdruck verlieh. Mit dieser Vorschrift waren im Nu alle potentiellen Teilnehmer aus den unteren Schichten ausgeschlossen.

 

Wenn also heute nicht alles rund um Olympia optimal erscheint, so ist es zumindest schön, dass es bei den olympischen Spielen der Neuzeit vergleichsweise friedlich zugeht. Die "guten alten Zeiten" waren also offensichtlich doch nicht so gut. Weitere entzauberte Mythen, wie etwa die wahre Entstehungsgeschichte des Marathonlaufes oder der tatsächliche Ursprung der Olympia-Fackel sind nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Das Beste.

 

Hinweise an die Redaktion:

Weitere Themen in der neusten Ausgabe von Das Beste-Reader's Digest sind:

  • Edith Hunkeler: Ein tragischer Unfall vor zehn Jahren war der Startschuss für ihre Karriere als eine der weltbesten Rollstuhlsportlerinnen
  • Wie ungerecht! - Eine faire Besteuerung von Paaren ist durchaus möglich. Warum also klappt es nicht?
  • Schweizer Hochschulen und das Business: Brutstätten für neue Firmen

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