Zürich, 25.10.2003. Derzeit flimmert auf den Schweizer Kinoleinwänden die mit 13 Millionen US-Dollar wohl teuerste indische Filmproduktion aller Zeiten: Devdas, die Verfilmung eines fast hundert Jahre alten indischen Bestsellers. Der Film aus Bollywood ist eine prunkvolle Liebesgeschichte und wurde mit elf indischen Oscars ausgezeichnet. Er darf sich rühmen, der erste im offiziellen Programm von Cannes gezeigte Bollywood-Film zu sein. Devdas ist ein phänomenales Leinwandspektakel. Und so bunt schillernd wie die Produktionen der indischen Filmindustrie, ist deren Geschichte selber.

 

"Indien hat die grösste und produktivste Filmindustrie der Welt", erklärt der bekannte indische Regisseur Tschandraprakasch Diuwedi in Das Beste-Reader’s Digest stolz. "2001 haben wir 1.013 Spielfilme gemacht." Die Streifen laufen in 13.000 Kinos in ganz Indien. Jährlich werden über drei Milliarden Eintrittskarten verkauft - für umgerechnet rund sechs Milliarden Franken. Und die Bollywood-Filme (ein Kunstwort aus Bombay und Hollywood) gewinnen selbst im Ausland von London bis Hong Kong an Popularität.

 

In einem verarmten Land mit Überbevölkerung, wo das Leben oft grausam und ungerecht ist, schenkt das Bollywood-Kino Milliarden von Menschen schöne Träume. Sie lieben schrille, dreistündige moralische Stücke mit rührseligen Liebesgeschichten, Familienfehden und kämpfenden Schwerverbrechern - eingebettet in melodramatische Handlungen. Stets triumphiert das Gute über das Böse, und die Stars überwinden die teuflischen Schurken.

 

Die Metropole der einheimischen Filmindustrie befindet sich in Mumbai (früher Bombay). Film City ist das grösste Studio der Stadt. Kinder mit spindeldürren Armen und aufgeblähten Hungerbäuchen wühlen vor den Toren im Abfall. Hinter ihnen beginnt das Märchenland: bemalte Zirkuselefanten, hübsche Mädchen in schmetterlingsfarbenen Saris und Sikhs mit Turban.

 

Das Studiogelände ist auf mehr als 200 Hektar mit Tempeln, Palästen, Dorfplätzen und Lehmhütten-Siedlungen aus der Retorte gepflastert: eine Zelluloidfabrik, in der die Fliessbänder nie stillstehen. "Film City verfügt über 40 Drehorte für Aussenaufnahmen nebst 18 Studios und beschäftigt 250 Vollzeit-Arbeitskräfte", sagt der geschäftsführende Direktor Gowind Swarup. "Wir drehen jährlich an die 190 Spielfilme." Die meisten Arbeitskräfte auf dem Studiogelände verdienen hier am Tag ein paar hundert Rupien und ein Mittagessen. "Wegen der geringen Kosten brauchen wir auch keine Digitaleffekte nach Hollywood-Manier", erklärt Munisch Sappal, künstlerischer Leiter. Bunte, kunstvoll arrangierte Gesangsnummern und Tanzeinlagen kennzeichnen Indiens Grossproduktionen. "Lieder sind wichtig bei der Geburt eines Kindes, bei Namensgebung, Hochzeit und Begräbnis. Und deshalb ist die Musik für uns unentbehrlich wie die Luft zum Atmen. Ohne Gesang und Tanz ist kein Film denkbar. Das liegt uns eben im Blut," schildert der Regisseur Rakesch Roschan.

 

Aus dem Verkauf der Filmmusik und aus der Beliebtheit im Ausland erzielt Bollywood Milliardengewinne. Vor allem bei Indern, die sich in Nordamerika, Grossbritannien und anderen Regionen Asiens niedergelassen haben. Vor fünf Jahren betrug der Gewinn umgerechnet rund 15 Millionen Franken. "Letztes Jahr waren es schon über 140 Millionen", sagt Aschisch Bhatnagar, der Generaldirektor von Mumbais iDream Production, in Das Beste. "Unsere Filme sind auch populär in Vietnam, Afrika, in der Mongolei, in Russland." Heute verzeichnet Bollywood grössere Auslanderfolge denn je. Dagegen schwindet in Indien die Popularität der Bollywood-Streifen seit zwei Jahren. 90 Prozent der Filme sind beim Publikum durchgefallen. Oft wird es damit erklärt, dass es in Indien jahrzehntelang nur einen einzigen staatseigenen Fernsehkanal gab. Mittlerweile gibt es mehr als 50 kommerzielle Satellitenkanäle. Viele bringen 24 Stunden lang umsonst indische und ausländische Filme.

 

Bollywood muss sein Publikum zurückgewinnen. Amitabh Batschatschan, Indiens beständigster Superstar, ist überzeugt, dass es gelingen wird. "Solange Inder träumen, wird unsere Industrie sich halten können."

 

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Weitere Themen in der neusten Ausgabe von Das Beste-Reader's Digest sind:

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  • "Wohnen auf dem Mars" von Rudolf Burger und Patrick Imhasly Während die neuesten Expeditionen zum roten Planeten unterwegs sind, sagt Bruno Stanek, was er von solchen Missionen hält.
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