Zürich, 26. Oktober 2004 - Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten rücken sie ins Licht der Öffentlichkeit: Die "Macher", die "Entscheider", die "Absahner" - im Klartext: die Manager von Industrie und Wirtschaft. Sie sind die Könige, wenn die Zahlen schwarz sind und die Buhmänner, wenn diese erröten. Aber sie sind vor allem auch Menschen. Der Autor Martin Suter durchleuchtet diese Spezies seit Jahren literarisch und lässt die Schweizer Leser an seinen Erkenntnissen teilhaben. Diese danken es ihm, indem sie seine Bücher zu Bestsellern machen. "Reader's Digest" hat den Autor für seine November-Ausgabe interviewt und gibt mit "Eingeladen beim Chef" eine Kostprobe seiner Innenansichten aus der Führungsetage
Martin Suter hat sich in den letzten 12 Jahren eine ständig wachsende Fangemeinde sozusagen "erschrieben". Seine Kolumnen "Business Class" (wechselte im März 2004 von der Weltwoche zum Magazin des Tages-Anzeigers) und "Richtig leben mit Geri Weibel" (NZZ Folio) offenbaren dem Leser die Welt der Manager und ihrer mehr oder weniger neurotischen Welt. Da trifft man auf Führungspersonen in der Sinnkrise und ihre überehrgeizigen Ehefrauen, auf masslose Selbstüberschätzung und auf wohldosiertes Schauspiel um der lieben Karriere willen:
" 'Damit das klar ist: Du bekommst die Gebietsleitung, ich die Scheidung.' Von da an mimt Isabelle Lobsiger die liebende Gattin. Als Klopfstein die Tür öffnet, lässt sie sich dabei ertappen, wie sie ein letztes Mal den Sitz von Lobsigers Krawatte prüft." - Ehefrauen sind in Suters Geschichten oft der Motor der Managerkarrieren. Ist das für ihn ein Phänomen des Managerlebens? "Viele dieser Ehefrauen sind in den ganzen Prozess stark eingespannt," resümiert er, "die Beziehung wird Teil des sozialen Systems. Geschäftspartner des Mannes werden nach Hause eingeladen, auf Anlässen gibt man das perfekte Paar. Das ist anders als bei einem Handwerker."
Und anders als beim Gros seiner Leserschaft funktionieren Suters Protagonisten auch in Bezug auf ihr persönliches Wertesystem. Ehrlichkeit und Integrität wird bei ihm oft zum Luxus, den sich ein nach oben strebender Karrierist kaum noch leisten kann: "Viele Karrieren kommen nur dank derart viel Ellbogeneinsatz zustande, dass sich die Betroffenen dieses Verhalten kaum abgewöhnen können, wenn ihr Ziel erreicht ist. Die meisten Arten von Karrieren macht man auf Kosten seiner Unschuld." Dass dieses Verhalten für ihn nicht akzeptabel ist, zeigt Suter immer wieder an seinen Figuren. Ihre Selbstüberschätzung bleibt nie ungestraft - "meine Hommage an die Untergebenen" nennt er das.
Interessanterweise hat sich auch Suter vor seiner literarischen Karriere in einem solchen Räderwerk befunden. 20 Jahre lang war er in der Welt des schönen Scheins, der Werbung tätig - zuletzt als Partner einer grossen Agentur. 1991 kehrte er dieser Welt den Rücken und widmet sich seither ganz dem Schreiben. Das Fazit, das er aus seinem Werdegang gezogen hat, gibt er auch an seine Leser weiter: "Ich kann niemandem empfehlen, eine solche Karriere zu machen. Der grösste Luxus, der Index der Lebensqualität, ist Zeit. Die kann man nicht mit Geld ersetzen."
Seine kritische Distanz zum Stand der Manager wahrt Martin Suter in seinen Geschichten immer konsequent bis zum Schluss. Obwohl er sie in der Hierarchie nach oben klettern lässt, sind sie am Ende trotzdem Verlierer. Der ehemalige Werber Suter sieht darin eher eine Eigenheit seiner Kolumnen als eine Eigenheit des beruflichen Vorwärtskommens: "Die Pointen bestehen oft darin, dass am Ende alles anders kommt. Das hat mit meiner Schadenfreude zu tun." Und wohl ein bisschen auch mit seiner persönlichen Einstellung zum Leben, die sich von der seiner Protagonisten ziemlich stark abhebt: "Es gibt andere Methoden zu führen als diese hierarchische. Und es besteht kein Zwang, so zu sein. Aber die meisten sind es."
Lesen Sie das gesamte Interview sowie die Kolumne "Eingeladen beim Chef" in der November-Ausgabe von Das Beste.
Hinweise an die Redaktion: Weitere Themen in der neuesten Ausgabe von Das Beste sind:
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