Zürich, 4. Januar 2006. Die Schweizerinnen und Schweizer machen mit Einwanderern mehr positive Erfahrungen als die anderen Europäer. Das geht aus einer Umfrage von Reader’s Digest in acht europäischen Ländern hervor. Die Zeitschriften Das Beste und Sélection veröffentlichen die Ergebnisse der Analyse in ihrer Januar-Ausgabe und präsentieren zugleich Ayaan Hirsi Ali als Europäerin des Jahres 2006. Die gebürtige Somalierin und niederländische Parlamentsabgeordnete setzt sich seit Jahren für die Rechte muslimischer Frauen ein.

 

Reader’s Digest befragte für die repräsentative Analyse rund 7‘800 Menschen in Belgien, Deutschland, Grossbritannien, Portugal, Holland, Schweden, Spanien und der Schweiz, um zu erfahren, wie tolerant Europa derzeit wirklich ist. 73 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten positive Erfahrungen mit Einwanderern im Alltag gemacht. In der Schweiz sind es mit 87 Prozent überdurchschnittlich viele Befragte. Zudem betrachten 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Einwanderer als Gewinn für ihr Land (europäischer Durchschnitt: 47 Prozent).

 

Bei der umstrittenen Frage, ob muslimische Frauen in der Schule oder am Arbeitsplatz ein Kopftuch tragen dürfen, befürworten dies 49 Prozent der Europäerinnen und Europäer, wobei die Zustimmung in der Schweiz (45 Prozent) deutlich niedriger ist als zum Beispiel in Grossbritannien (64 Prozent).

 

Von den Einwanderern wird jedoch auch die Anpassung an das jeweilige Gastland erwartet. So verlangen 80 Prozent, dass die Aufenthaltsbewilligung für Gastarbeiter und Asylsuchende an die Auflage geknüpft sein sollte, sich mit der Sprache, der Geschichte und der Kultur des Gastlandes vertraut zu machen. In der Schweiz sind es gar 88 Prozent. Zudem sind 86 Prozent aller Befragten der Meinung, dass religiöse Führer ausgewiesen werden sollten, wenn sie für den Terrorismus eintreten (Schweiz: 91 Prozent).

 

Ayaan Hirsi Ali zur Europäerin des Jahres gekürt

Eine Frau, die sich seit Jahren gegen religiöse Fanatiker und für die Rechte muslimischer Frauen einsetzt, ist die 36-jährige Ayaan Hirsi Ali. Sie ist die elfte Trägerin des Ehrentitels Europäer des Jahres. Seit 1996 wählen die Chefredaktoren der 19 europäischen Ausgaben von Reader’s Digest Persönlichkeiten. die am besten die Traditionen und Werte Europas verkörpern, zum Europäer des Jahres. Die mit 5‘000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 23. Januar 2006 in Den Haag übergeben. Ayaan Hirsi Ali wird das Preisgeld an die vor kurzem gegründete Ethica-Stiftung spenden, die sich in den Niederlanden für die Emanzipation muslimischer Frauen einsetzt.

 

Die 36-Jährige wurde in Mogadischu geboren und musste mit 22 Jahren eine Zwangsheirat mit einem Mann aus ihrem Familienclan eingehen. Aber sie floh in die Niederlande, lernte die dortige Sprache, beantragte politisches Asyl, verdiente sich Geld mit Hilfsarbeiten und studierte schliesslich Politologie.

 

Nebenbei arbeitete sie als Übersetzerin für niederländische Behörden und lernte bei der Arbeit in Krankenhäusern, Schulen und Flüchtlingsheimen das Elend der zumeist dunkelhäutigen Frauen kennen. Fortan setzte sie sich gegen Unterdrückung ein, kämpfte gegen Misshandlungen, Vergewaltigungen und Zwangsehen.

 

Ihr Kampf für mehr Emanzipation in den muslimischen Familien hat sie zu einer der am meisten gefährdeten Personen in Europa gemacht. Seit den Terroranschlägen im September 2001 steht sie unter Polizeischutz, mehrmals waren Mordanschläge auf sie geplant. Seit Januar 2003 setzt sie sich als Abgeordnete im niederländischen Parlament mit politischen Initiativen für die Befreiung muslimischer Frauen ein.

 

Die Tatsache, dass ihr guter Freund Theo van Gogh im vergangenen Jahr ermordet wurde, nachdem sie mit ihm zusammen den Kurzfilm Submission(Unterwerfung) gedreht hatte, in dem die Misshandlungen muslimischer Frauen thematisiert werden, hat sie in ihrem Engagement nur noch bestärkt. Ihr Büro wird immer öfter von Anfragen Hilfe suchender Frauen überhäuft, die Opfer von Gewalt geworden sind und in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden haben. So schlimm diese Fälle sind, so sehr sieht sich die Menschenrechtlerin auf dem richtigen Weg: "Mein grösster Erfolg ist, dass die Probleme heute im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind."

 

Die Preisträger früherer Jahre

Die folgenden Persönlichkeiten waren die Vorgänger von Ayaan Hirsi Ali als Europäer des Jahres.

 

2005: Der russische Arzt Leonid Roshal, der bei über zwei Dutzend Katastrophen auf vier Kontinenten schwer verletzten Kindern geholfen hat. Beim Geiseldrama von Beslan wurde er als Mittelsmann eingeschaltet.

 

2004: Peter Eigen aus Deutschland, Gründer und Vorsitzender der weltweit tätigen Organisation Transparency International mit Sitz in Berlin, die sich dem Kampf gegen Korruption widmet.

 

2003: Simon Pánek, Gründer der tschechischen Hilfsorganisation People in Need.

 

2002: Eva Joly, ehemals Untersuchungsrichterin in Frankreich (u. a. Fall Tapie, Korruptionsskandal um Elf-Aquitaine).

 

2001: Der gebürtige Finne Linus Benedict Torvalds, Erfinder des Linux-Betriebssystems.

 

2000: Der Niederländer Paul van Buitenen, der schwerwiegendes Missmanagement innerhalb der Europäischen Kommission aufdeckte.

 

1999: Die Dänin Dr. Inge Genefke, Vorkämpferin auf dem Gebiet der Behandlung und Rehabilitation von Folteropfern.

 

1998: Der britische Solo-Skipper Pete Goss, der während eines Wettkampfs seinen französischen Freund Raphael Dinelli aus Seenot rettete.

 

1997: Frederic Hauge, norwegischer Begründer der Umweltschutz-Gruppe Bellona.

 

1996: Pater Imre Kozma, Vorsitzender des ungarischen Malteser Caritas-Dienstes.

 

Die Januar-Ausgabe von Das Beste / Sélection ist ab sofort am Kiosk oder direkt bei Reader's Digest erhältlich.