Zürich, 30. Oktober 2003. Tensin Gyatso, der bescheidene buddhistische Mönch, nimmt das Leben mit Humor und lacht gern laut und herzlich. Der Dalai-Lama sagt: "Wer seinen Mitmenschen ein wenig Freude macht und Trost gibt, dessen Leben hat einen Sinn. Wer Ursache ist für die Nöte oder das Leiden anderer, dessen Existenz ist ohne Sinn." In seinen Augen erzeugen die Menschen, die heute Leid verursachen, damit ein neues Karma; später werden sie die negativen Folgen zu spüren bekommen. "Deshalb sorge ich mich um sie. Dass wir versuchen, unseren Ärger im Zaum zu halten, soll hingegen nicht so verstanden werden, als würden wir klein beigeben. Wir kämpfen für das, was uns zusteht, für Gerechtigkeit, aber ohne Hass."
Der Dalai-Lama ist nicht nur der Hoffnungsträger für ein freies Tibet, sondern er ist auch weltweit eine angesehene Symbolfigur für das Miteinander der Religionen. In seinem Interview mit Das Beste-Reader’s Digest gewährt er jetzt ungewöhnliche Einblicke in sein Leben. Er verspricht: "Ich werde meinen Einsatz für menschliche Werte, Harmonie zwischen den Religionen und den Schutz der Umwelt fortführen bis zu meinem Tod."
Im Interview äussert sich der Dalai-Lama auch zum Fundamentalismus von Religionen: "Das Hauptproblem der Fundamentalisten liegt meines Erachtens darin, dass sie zumeist unter sich bleiben. Viele tibetische Buddhisten, auch ich, waren, solange wir in Tibet lebten, fest davon überzeugt, der Buddhismus sei das einzig Richtige. Aber der Austausch mit anderen Menschen hat mich gelehrt, dass man andere Religionen respektieren muss. Der Versuch, die Menschen in ihrem Glauben zu bekehren, schafft viele Probleme." Er empfiehlt: "Mehr Kontakt mit anderen Traditionen hilft, extreme fundamentalistische Haltungen zu relativieren." Unter den religiösen Führern sieht der Dalai-Lama durchaus eine ökumenische Tendenz: "Ihre Mehrheit respektiert den Pluralismus."
Der Dalai-Lama sieht einer Annäherung zwischen Tibet und China zuversichtlich entgegen. Die letzte Zusammenkunft mit den Chinesen sei recht positiv verlaufen. "Ein Teil der Chinesen, auch einige politische Führer, spüren, dass die Macht des zentralistischen Regimes schwinden wird. Die derzeitige Lage in Tibet bedeutet für China ein Sicherheitsrisiko." Dass junge Tibeter im Kampf um ihre Freiheit womöglich Gewalt gegen die Besatzer anwenden könnten, mag der Dalai-Lama nicht ausschliessen: "Diese Gefahr besteht." Er selbst hält dies aber für den falschen Weg und setzt auf einen langsamen Wandel: "Das wäre mir lieber. Denn kommt der Wechsel zu plötzlich, besteht die Gefahr, dass das Land ins Chaos stürzt. Daran kann niemandem gelegen sein."
Gefragt nach Ratschlägen für Eltern und Erziehung, bezeichnete der Dalai-Lama Mitgefühl und Zuneigung als das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben können. "Vor allem sollten Eltern ihren Kindern ihre Liebe schenken." Dabei seien die Taten entscheidend, nicht die Worte. In vielen Familien "reden die Eltern ständig übers Geld, ihren Arbeitsalltag – eine triste Atmosphäre". Wenn ein Kind all dies Tag für Tag bewusst miterlebe, könne dies nicht gut sein. "Da die Kinder heute viel Zeit in Kindergarten und Schule verbringen, sollten ihnen auch die Lehrer von Anfang an Zuneigung entgegenbringen, anstatt sie nur zu unterrichten."
Privat gibt sich der Friedensnobelpreisträger von 1989 durchaus weltlich. "Mürrisch" sei er, wenn er vor lauter Arbeit keine Zeit zur Meditation hat oder auf Leute trifft, "die es nicht ernst meinen". In den meisten Fällen isst er vegetarisch, akzeptiert aber auch Fleisch, wenn er auf Reisen ist. Entspannung findet er beim Fernsehen, am liebsten schaut er Naturdokumentationen an. Und dann und wann schiesst er schon mal mit seinem Luftgewehr auf Habichte – "um sie zu verjagen" – während er andere Vögel füttert. Sich selbst beschreibt der Dalai-Lama als ungeduldig: "Mir reisst ziemlich schnell der Geduldsfaden. Das habe ich von meinem Vater geerbt."
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