Zürich, 26. März 2004. Bis vor wenigen Jahren war der Begriff "Messie" in der Schweiz kaum bekannt. Tatsächlich leiden jedoch hierzulande, schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung am Diogenes- oder Vermüllungssyndrom. So hiess das Phänomen, bevor das Wort "Messie" im deutschsprachigen Raum populär wurde. Messies können nichts wegwerfen - mit erdrückenden Folgen. In der April-Ausgabe von Das Beste spricht ein Schweizer Messie offen über seine Schwäche.
Ein Messie sammelt alles in seinen vier Wänden, weil er nicht anders kann: von der Wäsche über schmutziges Geschirr bis hin zu Abfall. Was der Messie sammelt, verstaut er nicht, sondern lässt es in der Wohnung liegen - über Jahre hinweg. "Bei mir sieht es nicht sehr anmächelig aus", sagt der 60-jährige Journalist Johannes von Arx aus Zürich. "Aber sicher besser als noch vor zwei Jahren. In der ganzen Wohnung gab es keinen Quadratmeter, auf dem nichts herumlag. Ich musste über die Sachen steigen. Ich sammelte und sammle hauptsächlich ungelesene Zeitungen, Hefte, Artikel, Dokumentationsmaterial, aber auch elektronische Geräte wie Fernseh- und Radioapparate; wenn sie kaputtgehen, bewahre ich sie auf, um sie eines Tages zu reparieren."
Johannes von Arx hat aus Angst, als Messie erkannt zu werden, bis vor zwei Jahren ausser der eigenen Familie und - noch seltener - einigen Nachbarinnen niemanden in seine Zürcher Wohnung gelassen. Manche Messies haben ihre Jacke gleich neben der Tür hängen: Wenn es läutet, können sie die überstreifen und so tun, als ob sie gleich dringend weg müssten. "Ich würde das Zeug ja gerne aufräumen", sagt Johannes von Arx. "Aber dann läuft etwas Interessantes im Radio, ich muss kochen, noch ein Telefonat machen und und und. Wenn man einmal Beigen gemacht hat und etwas suchen muss, dann werden all die Beigen durchforstet, dabei fällt die eine oder andere um. Und weil man zu wenig Energie und Lust zum Aufräumen hat, bleibt es halt liegen."
Worin das Syndrom gründet, ist nicht ganz klar. Suchtkrankheiten, Depressionen, Schizophrenie, Zwangsneurosen können zum Versinken in den Dingen führen. Ebenso kann das Chaosproblem durch ein geringes Selbstwertgefühl, gepaart mit Verlust- und Existenzängsten in der Kindheit und Jugend, entstanden sein. Messies leiden aber nicht nur an einer chronischen Unordnung, sondern auch an hochgradiger Ablenkbarkeit. Sie meinen, immer alles auf später verschieben zu müssen, haben ein katastrophales Zeitgefühl und ein verzerrtes Selbstbild. Viele sehen sich auch als Betroffene von ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom).
Die Forschung kennt zwei Hauptgruppen von Menschen, bei denen das Messie-Syndrom häufiger auftritt: Personen ab 50, die ihren Partner oder ihre Arbeit verloren haben, und junge Leute, die vorschnell zu Hause ausgezogen sind. "Es ist eine langjährige psychische Entwicklungslinie, unsicheres Bindungsverhalten, das zu Messietum führt," sagt Heinz Lippuner, Fachpsychologe für klinische Psychologie und Psychotherapie FSP, der sich in der Schweiz einen Namen als Messie-Spezialist gemacht hat.
Sehr schwer ist das Syndrom, wenn sich zwischen dem Abfall Essensreste und andere organische Sachen befinden. Der Abfall wird nicht mehr entsorgt, die Badewanne ist vollgestopft, die Wasserleitungen sind nicht mehr benutzbar. Im schlimmsten Fall stinkt es aus den betroffenen Wohnungen bestialisch, was immer wieder zu Zwangsräumungen führt. Ein Eingriff, der für Messies einer Katastrophe gleichkommt. "Wenn mir jemand alles zusammenräumen würde, wäre das der absolute Horror", sagt Johannes von Arx. "Es wäre ein Eingriff in meinen persönlichen Bereich, vielleicht gar ein Angriff auf meine Person, weil gewisse Dinge unterschwellig die Funktion eines Ersatzes haben, dessen Bedeutung aber schwierig zu erklären ist."
Allerdings fühlen sich Messies in ihrem Müll ganz und gar nicht wohl. Zwar verhalten sich Messies nach aussen fast normal. Sie sind aber sicher chaotischer als andere Menschen, haben immer etwas dabei, womit sie herumnesteln, sind leicht abzulenken und leiden unter massiven sozialen Einschränkungen. Der einzige Weg, da herauszufinden, meint Johannes von Arx, sei, zu seiner Schwäche zu stehen. In der Schweiz gibt es eine Selbsthilfegruppe für Messies. Unter www.messies.ch gibt es zusätzliche Informationen sowie einen Test, um herauszufinden, ob man ein Messie ist.
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