Zürich, 20. Juni 2006 – Arrogant und überheblich sollen sie sein, aufs Geld versessen und erst noch verschlossen: Was über die Zürcher gesagt wird, stimmt alles nicht. Das belegt die neuste, weltweite Untersuchung von Reader’s Digest, welche die umfangsreichste in der 84-jährigen Geschichte der Zeitschrift darstellt. 35 Städte rund um den Erdball wurden nach dem Motto «Wie höflich ist die Welt?» eingehend auf die Manieren ihrer Einwohnerinnen und Einwohner getestet. Und siehe da: Zürich belegt den hervorragenden zweiten Rang, knapp hinter New York. Abgeschlagen die hintersten Plätze belegen die Städte aus dem asiatischen Raum.
Die Diskussionen um Mentalitäten, Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft von Ländern und Völkern sind fast so alt wie die Menschheit selbst. Ein klares und transparentes Bild aller Nationen, das ein abschliessendes Urteil oder sogar eine Rangliste bezüglich der Höflichkeit ihrer Bewohner erlaubt, gibt es bis heute jedoch nicht. Der Tenor ist von Thailand bis Finnland und von Buenos Aires bis London ähnlich: Überall werden mangelnde Manieren beklagt, man regt sich auf über mürrische Verkäufer, respektlose Jugendliche und griesgrämige Senioren.
Reader’s Digest wollte es genau wissen und hat einen grossflächigen Feldversuch durchgeführt, dessen Ergebnisse weltweit gleichzeitig im Juli in allen 50 Ausgaben des Magazins veröffentlicht werden. «Es handelt sich um den bislang grössten Verhaltenstest für Höflichkeit, der weltweit durchgeführt wurde», sagt Conrad Kiechel, Redaktionsdirektor Reader’s Digest International in New York. «Unsere Reporter haben das Verhalten in mehr als 2’000 Fällen geprüft und dabei spannende und zum Teil provozierende Erkenntnisse gewonnen.» Weltweit wurden die Reporter, je zur Hälfte Männer und Frauen, verdeckt losgeschickt, um die Manieren der Einwohnerinnen und Einwohner von insgesamt 35 Städten hautnah und im Massstab 1:1 zu prüfen. In jeder Stadt wurden drei verschiedene Tests durchgeführt. 20 Mal haben die verdeckten Ermittler von Reader’s Digest hinter einer Person ein öffentliches Gebäude betreten, um festzustellen, ob ihnen die Tür aufgehalten wird. Weiter haben sie in 20 verschiedenen Läden eine Kleinigkeit eingekauft und darauf geachtet, ob sich die Verkaufsangestellten nach dem Einkauf bedanken. Und schliesslich liessen die Reporter an 20 belebten Plätzen eine Mappe mit Papieren fallen, um zu prüfen, ob sie beim Auflesen auf fremde Hilfe zählen können oder nicht.
New York und Zürich top, asiatische Städte flop
Am meisten Herz bewiesen im Feldtest von Reader’s Digest die New Yorker, die in vier von fünf Testsituationen höflich reagierten und in allen drei Wertungen einen der fünf vordersten Plätze belegen. Speziell ragten die Bewohner des «Big Apple» beim Aufhalten von Türen hervor und schlossen diese Disziplin mit einer Spitzen-Höflichkeitsquote von 90 Prozent ab.
Nur ganz knapp hinter New York belegt Zürich den hervorragenden zweiten Rang. Grosse Freude löst dieses tolle Ergebnis bei der Organisation Zürich Tourismus aus. Marketing-Leiter Maurus Lauber: «Wir sind stolz, dass die Besucherinnen und Besucher Zürich als höflich und freundlich wahrnehmen. Dies unterstreicht die bereits mehrfach ausgezeichnete Lebensqualität unserer Stadt und zeigt deutlich auf, dass die Bewohner selbst einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können.» Zürich sei eben nicht die kalte Business-Stadt, als welche sie oft im Verruf stehe, sondern ein Ort zum Wohlfühlen und Geniessen. Ein klarer Beleg dafür sind gemäss Lauber die seit Jahren rasant steigenden Übernachtungszahlen in den Hotels.
Hinter New York und Zürich belegen bei der Studie von Reader’s Digest Städte wie Toronto, Berlin, Sao Paulo, Zagreb, Auckland, Warschau, Mexico-Stadt oder Stockholm ebenfalls Spitzenplätze und können sich zu Recht als gastfreundlich bezeichnen.
Weniger erfreulich haben vor allem die Destinationen im asiatischen Raum abgeschnitten. Acht von neun in diesem Erdteil getestete Städte klassierten sich in der Höflichkeits-Rangliste auf den hintersten Rängen 25 bis 35. Schlusslicht im Test war das indische Mumbai. Vor allem in den Geschäften liess die Freundlichkeit dort sehr zu wünschen übrig. In einer Drogerie kehrte die Verkäuferin der Testperson zum Beispiel sofort den Rücken zu, nachdem diese bezahlt hatte. Oder in einem Supermarkt half dem verdeckten Ermittler niemand, als dieser seine Mappe mit diversen Papieren fallen liess. Man habe davon nichts bemerkt, so die saloppe Ausrede.
Höfliche Städte: die internationalen Top-6 und Flop-6
1. New York (USA), 80%*
2. Zürich (Schweiz), 77%*
3. Toronto (Kanada), 70%*
4. Berlin (Deutschland), 68%*
4. Sao Paulo (Brasilien), 68%*
4. Zagreb (Kroatien), 68%*
30. Moskau (Russland), 42%*
30. Singapur, 42%*
32. Seoul (Südkorea),40%*
33. Kuala Lumpur (Malaysia), 37%*
34. Bukarest (Rumänien), 35%*
35. Mumbai (Indien), 32%*
* erreichter Prozentsatz von Höflichkeits-Punkten (Maximum 100)
Schweiz: höflich von Ost bis West und Top in Europa
Für den Vergleich hat Reader’s Digest jeweils die grössten Städte aus 35 Ländern nach Höflichkeit und Manieren ihrer Bewohner untersucht. Um für die Schweiz ein differenzierteres Bild zu erhalten, gingen die Tester nicht nur in Zürich, sondern auch in Genf auf die Piste. Dabei zeigte sich: Die Rhonestadt kann der Limmatstadt in Sachen Höflichkeit und Manieren durchaus das Wasser reichen.
Während zum Beispiel in Zürich alle 20 Testeinkäufe vom Personal mit einem freundlichen «Merci!» quittiert wurden, lag die entsprechende Quote in Genf ebenfalls bei hohen 80 Prozent, wobei die Männer (89 Prozent) die Frauen (73 Prozent) hier übertroffen haben. Etwas hilfsbereiter als die Zürcher sind die Genfer, wenn es ums Auflesen von herumliegenden Blättern geht. 60 Prozent der Passanten haben in der Rhone-Stadt sofort angepackt, während die Quote in der Limmatstadt nur bei 45 Prozent lag. Hier haben sich vor allem die Zürcher Männer (12,5 Prozent) nicht mit Ruhm bekleckert. Am hilfsbereitesten bei der Auflese-Aktion zeigten sich die jungen Zürcherinnen. Fast gleich hoch ist die Höflichkeitsquote in beiden Städten beim Aufhalten von Türen für Mitmenschen. In Zürich wird dies in 85 Prozent aller Fälle getan, in Genf bei vier von fünf Gelegenheiten. Kleine Rüge an die Genfer Männer: 40 Prozent von ihnen würden einem die schwere Glastüre ins Gesicht schlagen lassen.
Erfreuliches Fazit der Untersuchungen: Zürich und Genf schneiden alles in allem hervorragend ab und sind die höflichsten Städte Europas.

